Zur Konzeption des Programms

Wie so oft enthält unser Programm „Altes“ und „Bewährtes“ aber auch Raritäten und wahrhaft „unerhörte“ Erstaufführungen von Werken aus dem 16. Jhd. Dazu weiter unten ausführlicher. Das Motiv für die Werkauswahl zu unserem Programm hat diesmal historische Gründe:

2017 ist ein für die Welt- und Kirchengeschichte denkwürdiges Jubiläum zu feiern. Das Jahr 1517 gilt als der Beginn der Reformation. Luther soll – so wird berichtet – am 31. Oktober (Reformationstag) 1517 die grundlegenden 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg geschlagen haben, in denen u.a. den Ablasshandel anprangert und gewissermaßen das “protestantische Manifest” – formuliert wird.

Aus diesem Anlass stehen protestantische Motetten und Choralmotetten sowie Vertonungen von Texten Luthers aus drei Jahrhunderten auf dem Programm für die Chorakademie 2017:

Beginnend mit den Motetten des ersten protestantischen Kantors und engen Mitarbeiters von Martin Luther im 16. Jahrhundert, Johann Walther (1496-1570), über den Korpus der überaus feinen und in gediegener Vokalpolyphonie geschriebenen Motettensammlung des nahezu unbekannten Lasso-Schülers und Komponisten des ausgehenden 16. Jhd., Balduin Hoyoul (1548-1594), wird der Bogen bis zur Bach-Familie in das 18. Jhd. und schließlich bis zu Johann Sebastian Bach gespannt.

Die Abfolge der Titel gliedert sich in drei thematische Blöcke, denen jeweils ein inhaltlicher Schwerpunkt zu Grunde liegt.

1. Ein feste Burg – Der stilistische Wandel vom 16. bis zum 18. Jhd.

In den Kompositionen der ersten Gruppe bildet DER große und wirkmächtige protestantische Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“ als vinculum substantiale gleichsam das Fundament der ausgewählten Chorwerke – sowohl im kompositorischen als auch im inhaltlichen Sinne –. Am Beispiel von Vertonungen dieses Chorals möchten wir unterschiedlich besetzte musikalische Formen und Gattungen vom Bicinium über das Tricinium bis zur ausgewachsenen barocken Choralmotette zum Klingen bringen. Stilistisch beginnen wir mit protestantischen Kantoren der „ersten Stunde“ Johann Walter, Stephanus Mahu, Martinus Agricola und Johann Kugelmann. Ein neuer Ton – und darüber hinaus eine textliche Tropierung – wird in der Choralmotette Melchior Franks hörbar, der mit Michael Praetorius und Herrmann Schein bereits der vierten protestantischen Kantoren Generation angehört. Den Abschluss des ersten Teils unseres Programms bildet die ebenfalls mit einem zusätzlichen, den Choraltext kommentierenden Text versehene Motette Georg Telemanns, als Repräsentanten der Hochblüte evangelischer Kirchenmusik und Zeitgenossen Johann Sebastian Bachs.

2. Das ausgehende 16. und beginnende 17. Jhd. – Erstaufführungen –

Im Zentrum unseres Konzertes stehen fünf Motetten, die ausnahmslos Raritäten sind und seit ihrer Komposition um die Wende zum 17. Jhd. zum ersten Mal wieder aufgeführt werden. Während die Werke Balduin Hoyouls (1547/1548-1594) erst vor wenigen Jahren (1998 und 2001) wissenschaftlich erschlossen und in einer kritischen Ausgabe ediert wurden, ist die Druckerschwärze der letzten Edition von Motetten des um eine Generation jüngeren Erasmus Widmann (1572-1634) noch nicht einmal getrocknet. Unsere Zuhörer werden also Zeugen von fünf Erstaufführungen dieser groß besetzten Kompositionen.

Sie sind einerseits noch dem alten, vokalpolyphonen Tonsatz verpflichtet, lassen aber andererseits aber in den doppelchörig besetzten Kompositionen bereits den klangprächtigen italienischen Stil etwa Giovanni Gabrielis erkennen. Natürlich trugen die zahlreichen Emporen der St. Cyriacus Stiftskirche in Gernrode, die zum mehrchörigen Musizieren geradezu einladen, zu unserer Entscheidung bei, diese klangsinnlichen Werke in unser Programm aufzunehmen. Zugleich war es aber auch unser Anliegen, mit ihnen die neue Tonsprache des anbrechenden 17. Jhd. einzufangen und zu dokumentieren.

3. Ausgehendes 17. und beginnendes 18. Jhd. – Die Bach-Familie

Drei Motetten aus der großen Bach-Familie bilden den Abschluss unseres Konzertprogramms. In jeder dieser Kompositionen wird ein berühmter protestantischer Choral verwendet. In den doppelchörigen Motetten von Johann Michael Bach und Johann Ludwig Bach kommentiert jeweils der eine Chor den Chor, der den Choral(-text) singt und fügt ihm damit eine neue inhaltliche Dimension hinzu, die zu weitreichenden interpretatorischen Konsequenzen führt..

Der erste Teil der letzten von uns vorgetragenen Komposition ist in gewisser Weise ein Gemeinschaftswerk Georg Friedrich Telemann und Johann Sebastian Bach, denn Bach bearbeitete die doppelchörige Telemannische Motette. Der abschließende, von imitatorisch verarbeiteten Motiven aus der Choralmelodie durchsetzte Cantus firmus Satz trägt jedoch zweifelsfrei die Handschrift des Thomaskantors.